Vom Zuschauer zum Gestalter
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Salih Altınışık
Ekonomist • ATDF Başkanı • TULİP Forum Sözcüsü

Während in #Deutschland ernsthaft darüber diskutiert wird, den #Flaschenpfand auf 50 Cent zu erhöhen, um soziale Probleme zu lindern, wird in #Türkiye Politik in einer völlig anderen Dimension betrieben. Ja, die Inflation ist dort höher. 2022 lag sie zeitweise bei über 80 %, aktuell bewegt sie sich, je nach Messmethode, immer noch im Bereich von rund 40 %. Aber die entscheidende Frage ist eine andere: Wie handelt ein Staat unter Druck, und welche strategische Richtung verfolgt er langfristig? Genau hier zeigt sich der Unterschied. Und es ist bezeichnend, dass selbst viele frühere Gegner diese Entwicklung inzwischen zumindest teilweise anerkennen.

Unter der Führung von President Recep Tayyip Erdoğan hat Türkiye in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine tiefgreifende Transformation durchlaufen. Das ist keine Frage von Rhetorik, sondern lässt sich an harten Kennzahlen ablesen. Das Bruttoinlandsprodukt lag Anfang der 2000er Jahre noch bei rund 240 Milliarden US-Dollar, heute bewegt es sich (je nach Wechselkurs) im Bereich von etwa 1,1 bis 1,3 Billionen US-Dollar. In Kaufkraftparität gehört Türkiye inzwischen zu den 15 größten Volkswirtschaften der Welt. Die Exporte sind von rund 36 Milliarden Dollar im Jahr 2002 auf über 250 Milliarden Dollar gestiegen, ein Vielfaches dessen, was früher möglich war.

Diese Entwicklung basiert nicht auf Zufall, sondern auf einer konsequenten Infrastrukturpolitik. Allein in den letzten 20 Jahren wurden über 28.000 Kilometer neue oder modernisierte Straßen gebaut, darunter tausende Kilometer Autobahn. Megaprojekte wie der neue Flughafen Istanbul mit einer Kapazität von über 90 Millionen Passagieren jährlich oder Großbrücken und Tunnelprojekte haben die logistische Leistungsfähigkeit des Landes massiv erhöht. Was früher über Jahrzehnte geplant, aber selten umgesetzt wurde, ist heute sichtbare Realität.

Auch der Arbeitsmarkt spiegelt diese Dynamik wider. Trotz eines starken Bevölkerungswachstums liegt die offizielle Arbeitslosenquote derzeit bei rund 8–10 %. Gleichzeitig ist die Industrieproduktion in vielen Sektoren deutlich gestiegen, insbesondere im Maschinenbau, in der Automobilindustrie und in der Rüstungsproduktion. Türkiye hat sich von einem importabhängigen Markt zu einem Produktionsstandort mit wachsender Exporttiefe entwickelt.

Die Belastungsprobe kam mit dem verheerenden Erdbeben von 2023. Die Schäden werden auf rund 100 bis 200 Milliarden US-Dollar geschätzt, mehr als 11 Provinzen waren betroffen, über 14 Millionen Menschen direkt. Trotzdem wurden innerhalb kurzer Zeit hunderttausende neue Wohneinheiten geplant und gebaut, während parallel Sozialmaßnahmen ausgeweitet wurden. Das zeigt eine staatliche Handlungsfähigkeit, die in dieser Größenordnung nicht selbstverständlich ist.

Parallel verfolgt Türkiye konsequent das Ziel, strategische Abhängigkeiten zu reduzieren. Im Energiesektor wurden eigene Bohr- und Explorationsschiffe in Dienst gestellt, darunter mehrere Tiefseebohrschiffe, die im Schwarzen Meer bereits bedeutende Gasfunde ermöglicht haben. Das Sakarya-Gasfeld gilt als eines der größten Funde der letzten Jahre in der Region und soll mittelfristig einen relevanten Anteil des nationalen Bedarfs decken. Ziel ist klar: die Reduzierung der Importabhängigkeit, die bisher einen erheblichen Druck auf die Währung ausgeübt hat.

Noch deutlicher ist der Wandel in der Verteidigungsindustrie. Während Türkiye Anfang der 2000er Jahre noch rund 80 % seiner militärischen Ausrüstung importieren musste, liegt die Eigenproduktionsquote heute bei etwa 80–85 %. Die Rüstungsexporte sind von rund 250 Millionen Dollar auf über 5 Milliarden Dollar jährlich gestiegen. Unternehmen wie #Baykar haben mit Drohnentechnologie internationale Märkte erschlossen, und Türkiye gehört mittlerweile zu den führenden Exporteuren in diesem Segment.

Auch außen- und sicherheitspolitisch hat sich die Rolle verändert. Türkiye unterhält heute mehrere Militärbasen im Ausland und ist in verschiedenen Konfliktregionen präsent, von Syrien bis Libyen. Innerhalb der NATO stellt das Land eine der größten Armeen und hat mehrfach gezeigt, dass es in der Lage ist, binnen kürzester Zeit größere Truppenkontingente über weite Distanzen zu verlegen. Diese Fähigkeit ist kein Symbol, sondern ein konkreter Machtfaktor in der geopolitischen Realität.

All diese Entwicklungen führen zu einer nüchternen Schlussfolgerung: Türkiye ist heute nicht mehr das Land, das am Rand internationaler Prozesse steht. Es ist ein Akteur, der eigene Interessen definiert und durchsetzt. Natürlich gibt es Kritikpunkte von der Geldpolitik bis hin zu Fragen der Institutionenstärke. Doch wer die gesamte Entwicklung pauschal als Populismus abtut, blendet wesentliche Fakten aus. Türkiye ist längst kein passiver Beobachter mehr, sondern ein Land, das aktiv an der Gestaltung regionaler und globaler Dynamiken beteiligt ist. Und das ist keine Frage von Meinung oder Sympathie, sondern eine Frage der messbaren Realität.

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